Vattenfall verzichtet nach jahrelangem Streit auf den Bau eines neuen Kohlekraftwerks in Berlin und sorgt damit für Freude und Skepsis. Statt auf Kohle setzt der Energiekonzern am Standort des alten Heizkraftwerks Klingenberg in Lichtenberg auf zwei Biomassekraftwerke.
HB BERLIN. Sie sind Teil eines Energiekonzepts mit Investitionen von insgesamt mehr als einer Milliarde Euro in den nächsten Jahren. Vattenfall will damit seine Emissionen klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) in der Hauptstadt bis 2020 im Vergleich zu 1990 halbieren, von 13,3 (1990) auf 6,4 Mio. Tonnen (2020).
Gegen den möglichen Neubau eines Steinkohlekraftwerks als Ersatz für das mit Braunkohle betriebene Kraftwerk Klingenberg hatte sich massiver Widerstand von Parteien und Umweltschützern formiert. "Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren tief in diese Stadt hineingehört", sagte der Vattenfall-Generalbevollm ächtige für Berlin, Werner Süss. Der Konzern hob hervor, dass es nie eine Festlegung auf ein Kohlekraftwerk gegeben habe. Es seien stets alle möglichen Energieträger geprüft worden.
Der Senat reagierte erfreut. "Vattenfall geht auf vernünftigen Kurs", teilte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mit. Zustimmung kam auch aus der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer sowie aus der Opposition von Grünen und CDU. Die Fraktionen betonten, nicht der Senat, sondern der Druck der Berliner Öffentlichkeit habe Vattenfall umgestimmt. Die Bürgerinitiative gegen das Kohlekraftwerk sprach von einem Sieg Davids gegen Goliath. Die Fernwärmeleistung der Kohle-Anlage hätte die des umstrittenen Kraftwerks überschritten, das Vattenfall in Hamburg-Moorburg baut.
Skepsis über die Kehrtwende klang an beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und bei der Berliner Energieagentur. Anderswo setze der Konzern seine Kohle- und Atompolitik massiv fort, kritisierte der BUND. Die Energieagentur machte deutlich, dass Vattenfall möglicherweise zu viel Wärmekapazität aufbaue.
Im Kraftwerkskonzept geht es in erster Linie um Fernwärme. Strom produziert Vattenfall in den Anlagen nebenher. Nach dem Plan sind neben der Biomasse-Anlage in Klingenberg ein oder zwei Gas- und Dampf-Turbinen-Anlagen geplant. Die Turbinen sollen den größten Teil der Leistung des alten Kraftwerks Klingenberg ersetzen. Als Standorte geprüft werden dafür die Gelände Klingenberg in der Rummelsburger Bucht und das Areal des Heizkraftwerks Lichtenberg an der Rhinstraße. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sagte, es werde noch darüber zu reden sein, ob zwei Ersatzbauten notwendig sind. Das Konzept sei aber eine gute Gesprächsgrundlage.
Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) nannte Vattenfalls Ziel, den CO2-Ausstoß zu halbieren, "realistisch". Der Konzern hat nach eigenen Angaben seit 1990 schon 44 Prozent geschafft. Das Land will insgesamt seinen Kohlendioxid-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 senken. "Wir haben einen wesentlichen Partner wieder gewonnen", sagte Lompscher.
Nach Lompschers Worten liegt der Anteil der Fernwärme in Berlin bei 30 Prozent. Für die Kunden drohen nach Ansicht des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen durch den Verzicht auf die günstigere Kohle nun höhere Preise. Der Vattenfall-Bevollmächtige Süss sagte hingegen, er habe in dieser Hinsicht keine Bedenken. Auch auf die Strompreise habe das Konzept keine absehbaren Auswirkungen.
Erster Schritt in dem Konzept ist, das alte Heizkraftwerk Lichterfelde am Ostpreußendamm bis 2014 durch eine Gas- und Dampf- Turbinen-Anlage zu ersetzen. Die Biomasse-Anlage in Klingenberg soll vor allem mit sonst nicht verkäuflichen Baumteilen aus der Forstwirtschaft befeuert werden.
Der Fachmann vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung Berlin, Bernd Hirschl, zweifelte daran, dass Vattenfall seinen Bedarf wie geplant aus einem Umkreis von 200 bis 300 Kilometern decken kann. Nach Konzernangaben werden 400 000 Tonnen Biomasse pro Jahr gebraucht. "Man muss ein großes Fragezeigen dahinter stellen", sagte Hirschl. So seien die Reserven der Brandenburger Biomasseabnehmer schon knapp.
Quelle: Handelsblatt, 12.03.2009
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